Vier Erntehelfer in Kalabrien ermordetInitiativen im Oldenburger Land setzen ein Zeichen für faire Preise und Menschenwürde

Unter unmenschlichen Bedingungen ernten Menschen aus dem Globalen Süden in Südeuropa Früchte, die in Deutschland und anderswo günstig angeboten werden. Ein brutaler Mord beleuchtet diese Verhältnisse aktuell. Das Ökumenische Zentrum Oldenburg und Kirchengemeinden aus dem Oldenburger Land setzen ein Zeichen dagegen: „Süß statt bitter“!

Ismat, Fazal, Waseem und Safi sind tot. Am hellichten Tag lebendig verbrannt in einem Auto an der vielbefahrenen Staatstraße 106 in Süditalien. Sie kamen aus Afghanistan und Pakistan als Erntehelfer nach Italien, auf den Erdbeerfeldern in der Umgebung von Amendalora, zwischen Spitze und Absatz des italienischen Stiefels, beschäftigt, zu Billigstlöhnen und unter Bedingungen, die man kaum als human beschreiben kann. Als zwei Männer kamen, das Auto in Brand setzten und die Türen zuhielten, versuchten sie, sich noch zu befreien – vergeblich.

Die grausame Ermordung von vier Erntehelfern Anfang Juni 2026 in Kalabrien erschüttert Menschen in Italien und weit darüber hinaus. Die Männer aus Pakistan und Afghanistan wurden nach mehreren, übereinstimmenden Medienberichten Anfang dieser Woche in der Kleinstadt Amendolara Opfer eines brutalen Gewaltverbrechens. Auslöser soll ein Streit darum gewesen sein, ob die Männer nach getaner Arbeit ihren Tageslohn von jeweils 45,- Euro tatsächlich erhalten sollten, abzüglich eines Betrags für die Fahrt zum Arbeitsplatz. Die Mordtat lenkt den Blick auf die grausamen und menschenunwürdigen Arbeits- und Lebensbedingungen, denen viele migrantische Landarbeiter in Süditalien ausgesetzt sind.

Der Bestseller-Autor Roberto Saviano (‚Gomorrha‘), der sich schon länger mit den Zuständen in Italiens Landwirtschaft beschäftigt, sagte der Tageszeitung ‚La Stampa‘: Verantwortlich sind die großen Einzelhandelsketten. Die Marken, die wir alle kennen und zu Preisen kaufen, die es unmöglich machen, einen angemessenen Lohn zu bezahlen.“  Als vor einigen Jahren ein Chef sich weigerte, einen schwer verletzten illegalen indischen Erntehelfer nach einem Arbeitsunfall  ins Krankenhaus zu bringen, was diesen fast das Leben kostete, kam Sozialwissenschaftler Marco Omizzolo (Rom) zu einem ähnlichen Schluss: „Man schaut lieber weg, weil viele in dem System profitieren.“ Und diese Profiteure seien nicht nur „kleine Bosse“ und „große Bosse“, sondern vor allem die Handelsketten, die so Kundinnen und Kunden ein Kilo Tomaten für weniger als zwei Euro anbieten könnten.

Diesem System etwas entgegenzusetzen, hat sich die Orangen-Aktion ‚Süß statt bitterder Evangelischen Kirche von Westfalen gemeinsam mit ihrer italienischen Partnerkirche vorgenommen. Sie setzt seit sechs Jahren ein Zeichen gegen diese Gewalt und Ausbeutung, indem sie Früchte, vor allem Orangen, der KooperativeSOS Rosarno nach Deutschland bringt.

Bei ‚SOS Rosarno‘ erhalten angeschlossene Produzenten faire Preise für ihre Früchte sowie Erntehelfer den gesetzlichen Mindestlohn und Arbeitsverträge. Viele Menschen aus Kirchengemeinden, Weltläden, Kommunen, Schulen organisieren meistens ehrenamtlich die Bestellung und den Verkauf der ‚fairen‘ Orangen.

So auch im Oldenburger Land. Wenn im Winter in Italien die Orangen geerntet werden, übernehmen  Ehrenamtliche des Ökumenischen Zentrums Oldenburg (ÖZO) die Bestellung und Abholung der Früchte bei den zentralen Verteilstellen. Regelmäßig gibt es sie dann im Weltladen des ÖZO zu kaufen, aber auch zum Beispiel im Oekumene-Weltladen Delmenhorst, im Weltladen der Ev.-luth. Kirchengemeinde Varel oder gelegentlich auch im Weltladen der Ev.-luth. Kirchengemeinde Rodenkirchen.

Katja Breyer vom oikos-Instituts für Mission und Ökumene der Evangelischen Kirche von Westfalen, Canan Barski, Leiterin des Weltladens Oldenburg und Jörg Meier, Vorsitzender des ÖZO e. V. sind sich einig: die Orangen-Aktion zeige, dass eine menschenwürdige und nachhaltige Landwirtschaft sowie ein solidarischer Konsum möglich seien.

Francesco Piobbichi, Mitarbeiter von Mediterranean Hope (MH), des Geflüchtetenprogramms des Bundes Evangelischer Kirchen in Italien (FCEI) in Rosarno, zählt auf, woran es dafür unter den derzeitigen Bedingungen in Südeuropa noch fehlt: sichere Aufenthaltsmöglichkeiten, menschenwürdiger Wohnraum, reguläre Arbeitsverträge für die Landarbeiter und faire Preise entlang der gesamten Lieferkette. Neben den Konsumenten müsse auch der Großhandel Verantwortung für die sozialen Folgen seines Preisdrucks übernehmen, fordert Piobicchi.

Der Vizepräsident der italienischen Bischofskonferenz für Süditalien, der katholische Bischof Francesco Savino verlangt: „Genug mit dem bequemen Schweigen. Genug mit der schäbigen Angewohnheit, es für normal zu halten, dass Männer von weit her bei uns wie Leichen ohne Geschichten sterben.“ Roberto Saviano allerdings ist glaubt nicht an eine Veränderung seitens der Regierung. Das System funktioniere solange gut, bis jemand sterbe. „Dann wird eine Kommission eingerichtet. Und dann wird es wieder still.“

Kirchengemeinden oder Einzelpersonen, die in der nächsten Saison diese Aktion mit unterstützen möchten, können sich gerne beim Ökumenischen Zentrum Oldenburg melden.

Kontakt:

EkvW – oikos-Institut: Katja Breyer, Tel.: 0231 5409-73 / 0178-8546527, eMail: katja.breyer@ekvw.de

Ökumenisches Zentrum Oldenburg: info@oezo.de

meet THE PICKERS heißt ein Film der Regisseurin Elke Sasse. Er verfolgt die Spuren unserer Orangen, Oliven, Erdbeeren oder Blaubeeren bis zu den Menschen, die sie ernten. Mehr als zwei Millionen Migrant:innen arbeiten derzeit auf europäischen Feldern, viele von ihnen ohne Vertrag oder Mindestlohn, in selbstgebauten Hütten wohnend, einige ohne Aufenthaltspapiere oder mit hohen Schulden bei Vermittlern.

Der Oekumene-Weltladen Delmenhorst zeigt den Film in Zusammenarbeit mit dem Arbeitskreis Globalisierung des DGB: Donnerstag, 18. Juni 2026, 18.30 Uhr, Volkshochschule Delmenhorst, Raum 2 (Eintritt frei).

Bildhinweise:

Die Illustration von Francesco Piobbichi erinnert an die vier Erntehelfer, die in Kalabrien in einem Auto bei lebendigem Leib verbrannt wurden. Das von Flammen umgebene Fahrzeug steht auch symbolisch für die tödlichen Folgen von Ausbeutung, Entrechtung und Gewalt gegen migrantische Landarbeiter.

Viele Migranten arbeiten als Erntehelfer zu Dumpinglöhnen auf Obstplantagen in Kalabrien.

Bild: SOS Rosarno


Weitere Informationen
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Bericht und Interview von Mediterranean Hope:
Kalabrien, neu angefangen bei einem Wort: Würde – Mediterranean Hope – MH

RND: Mafia-Ausbeutung von Erntehelfern in Italien: Der brutale Mord an vier Migranten in Kalabrien

ntv: Vierfach-Mord in Italien: Männer verbrennen Erntearbeiter bei lebendigem Leib

Orangen-Aktion „Süß statt bitter“: www.faire-orangen.de